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Die Korrektur ist nicht das kollektive Betteln

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"Die Korrektur ist nicht das kollektive Betteln"

Eine solidarische Gesellschaft kann die wirtschaftspolitische Entscheidungsmacht ändern, argumentierte Friedhelm Hengsbach SJ bei den Weimarer Reden im DNT.

Weimar. (tlz) "Finanzkrisen gehören zum Kapitalismus dazu wie das Wasser zum Meer", konstatiert Friedhelm Hengsbach SJ. Die aktuelle Krise aber ist beispiellos und stellt sich als eine Schieflage der Einkommens- und Vermögensaufteilung dar. Die Schere zwischen denen, die Anteil am Reichtum haben und denen, die davon ausgeschlossen sind, hat sich immer weiter geöffnet. Verringert werden kann dieser weit klaffende Spalt nur durch eine demokratische Aneignung des Kapitalismus.

Hintergründe und Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Aufbruchs jenseits des Finanzkapitalismus erläuterte gestern der Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach SJ im Deutschen Nationaltheater Weimar. Er setzte damit die von der Stadt Weimar und dem DNT getragenen, von der TLZ präsentierten und von E.on unterstützten Weimarer Reden fort, deren übergreifender Titel in diesem Jahr fragt: "Frisst der Kapitalismus seine Kinder?" Hengsbachs Thesen provozieren, sagte TLZ-Chefredakteur Hans Hoffmeister in seiner Vorrede. Thesen wie jene, noch dazu von einem Jesuiten formuliert, dass jede Arbeit teilbar sei, auch die des Papstes. Auch wegen dieser Provokation, so Hoffmeister, habe es etwas Befreiendes, Hengsbach zuzuhören. Als Schüler am Jesuiten-Gymnasium in Büren habe er 1962 von seinem Lehrer Hengsbach gelernt, Bestehendes stets zu hinterfragen. "Herr Hengsbach, machen Sie uns wach!", war denn auch seine Aufforderung an den Redner.

Verantwortung liegt bei der Gesellschaft

Dieser erklärte, dass das Beispiellose der gegenwärtigen Krise monetär, ökologisch und sozial begründet ist: Unbegrenzt wuchs die Kreditschöpfungsmacht des Bankensystems, eines Systems, in dem Manager allein die Interessen der Aktionäre bedienen. Die Ressourcen der Erde wurden "zum Nulltarif" genutzt, und politische Entscheidungsträger sorgten mit Zeitarbeit und Befristung für entregelte, unsichere Arbeitsverhältnisse. Zudem individualisierte der Staat die gesellschaftliche Verantwortung und tauschte die solidarische Sicherung gegen die private Vorsorge aus.

Den Banken kam die rot-grüne Bundesregierung indes bereitwillig zu Hilfe, unterstützte ihre Fusionierung statt sie zu zerlegen. "Müssen die Brandstifter am Lenkrad des Löschzuges sitzen?", fragte Hengsbach und machte deutlich, dass man für den erwarteten Aufbruch nicht nur auf den Staat vertrauen könne.

Viel eher liege die wirtschaftspolitische Zukunft in einer unternehmerischen Wertschöpfung, die auf Fairness statt auf Gewinnmaximierung basiert. Sie entstehe nicht durch "kollektives Betteln", sondern durch den solidarischen Zusammenschluss der Gesellschaft: Diese müsse entscheiden, was normativ, also gerecht, ist. Nur so ließen sich asymmetrische Machtverhältnisse ändern und Einkommen und Vermögen ausgewogener verteilen. Ein jeder, betonte Hengsbach, müsste in diese Gemeinschaft einbezogen werden - und beitragspflichtig sein.

Thema des Tages ! Nächste Weimarer Rede, Sonntag, 21. März, 11 Uhr, DNT: Jean Ziegler, "Der Hass auf den Westen"

14.03.2010 Von Franziska Nössig

http://www.tlz.de/tlz/tlz.kultur.volltext.php?kennung=on2tlzKULKulNational40249&zulieferer=tlz&kategorie=KUL&rubrik=Kultur&region=National&auftritt=TLZ&dbserver=1

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